An unsichtbaren Fäden
von Helga Kolb
Ein Bericht. 70 Seiten, nummeriert, signiert mit Lesebändchen und Japanpapier, handgebunden / Preis: Euro 13,-- + Euro 1,50 Versandkosten (Porto & Verpackung)
Infos zum Buch
Das Buch ist aufgegliedert in drei Kapitel. Das 1. Kapitel beinhaltet das Jetzt; Wünsche, Versäumnisse, Träume. Ein weibliches Ich setzt sich - teilweise sehr konkret, dann wieder in vagen Träumereien - mit einem männlichen "B" und einem männlichen "K" auseinander. Ist es eine Dreiecksgeschichte? Oder sind es Anima & Animus, die sich das weibliche Ich als "eins werdend" wünscht?
Das 2. Kapitel beschreibt Episoden einer Kinderzeit. Dazu konkretisiert die Autorin die abstrakten Begriffe "Zeit" und "Erinnerung". Zeit schleppt sie - 'schwerwiegend' - ins Auto; Erinnerung stellt sie in Ordnern auf Regale. Der Erzählfluss bewegt sich - sehr gekonnt - im steten Wechsel vom Erinnern ins Jetzt.
Das 3. Kapitel besteht aus einer einzigen Seite. Hier wird das Fazit des "Berichtes" gezogen: Die Befreiung einer Frau. "Nein - es ist nicht zu früh..."; ...aber auch nicht zu spät, möchte man dem Schluss noch gerne hinzufügen.
Textproben
aus Kapitel 1
...Silvester bei Freunden. Ich trage weite seidene Hosen. K zuliebe. Dein Diamant schmückt meine linke Hand. Ich könnte mich wohl fühlen dort, bei Richard und Gabriele, wenn Richard sich mit dem Trinken zurück hält. Doch leider hat ihn Gabriele nicht sicher im Griff. Seine glänzenden Augen lassen mich nicht mehr los. Er glaubt, es sähe keiner. Du, ich tanze nicht gerne. Ein Lachen aus der Runde. Richard ist nicht länger hinzuhalten. Dieser Tanz müsse es sein, meint er. Bei den schmelzenden Klängen von Blue Bajou bin ich ihm schutzlos ausgeliefert. Zu sagen, dass er mit mir schlafen wolle, wäre nicht notwendig gewesen. Nur noch fliehen kann ich. Fliehen in meine schützende Burg. K zieht die Zugbrücken hoch. Meine Festung. Mein sicherer Hort. Hier erreicht mich das alte Jahr nicht mehr. Hier kann ich getrost das neue erwarten...
...Deutsche Patentschrift 33666/1987:
Ich habe die lautlose Türe erfunden. Lautlose Eingangstüren. Lautlose Autotüren. Lautlose Zimmertü-ren. Lautlose Schranktüren. Alle Magnet- und Schnappverschlüsse zum Recycling frei gegeben. Trotzdem schafft K es, die Geräuschkulisse im Haus auf 100 Decibel zu halten. Besonders gerne beim leisesten Pianissimo einer Violine. Bitte! lass doch den Rollladen oben! Jetzt hat er mir das Abendrot gestohlen. Die schwarzen Schatten und aufsteigende Nebelschwaden. Und Pinchas Zukermann spielt wieder fortissimo. Dich höre ich nie. Lautlos wie meine Katze bewegst du dich. Doch das Licht wird anders, wenn du in mein Spannungsfeld gerätst.
Früher, als wir uns trafen, trugst du prächtige Gewänder. Du nahmst mir den Schleier vom Gesicht. Jetzt hängt die kalte Wintersonne am Himmel. Mit ihren eisigen Strahlen bohrt sie sich in mein Herz. Manchmal hat K Mitgefühl für mich. Dann nimmt er mein erfrorenes Herz in seine warmen Hände, bis es wieder schlägt. Wenn K mich begehrt, lasse ich es geschehen. Anfangs schmerzten seine wilden Stöße. Jetzt hab ich Routine. Wenn er von mir geht, locke ich dich heran zum zärtlichen Liebesspiel. Tage später noch haftet dein Moschusduft an mir. Doch manchmal passiert es, dass du mich nicht hörst. dann steigt sehnsucht auf / nachts / wenn die angst aus den ecken kriecht / und mein herzschlag hoch in die schläfen springt / und ich weiß / ich liebe dich / nachts / wenn die angst aus den ecken kriecht / zittern dir meine gedanken entgegen / ich gebe sie dem erwachten nachtwind mit auf seidenen flügeln / sorge mich / dass er sie nicht zerbricht / sie in dein gesicht bläst / nachts / und in deine träume / damit die angst in ihre ecken kriecht / und mein herzschlag hoch in meine schläfen springt / aus liebe.
K versteht immer noch nicht, warum ich B liebe. Das ist nicht gut, meint er und klärt Besitzverhältnisse. Und die Wolken über uns? Wem gehören sie? ...
aus Kapitel 2
...Das Wichtigste in einen Koffer gepackt und ins Auto. Die Rücksitze habe ich zurück geklappt, um Platz zu gewinnen. Auf den Koffer bis unters Dach, ebenso auf den Beifahrersitz, jeden Stauraum nutze ich, um das Auto mit meiner wichtigsten Fracht zu beladen: mit Zeit. Unglaublich, welche Menge Zeit ich stapeln kann. Schicht um Schicht. Zeitlage um Zeitlage, fülle ich in mein Auto und fahre ab. Fahre aufs Land. Fahre an einen See. Nicht an unseren See. Das wäre zu einfach. Ich lenke mein Auto Richtung Osten. Der Sonne entgegen. Ich halte mich immer nach Osten, wenn mich Fluchtgedanken überfallen...
... Ganz deutlich kann ich ablesen, was jeder einzelne Ordner enthält. Ich verfolge die endlose Reihe, bis mein Blick schließlich an dem Ordner mit der Nummer Eins haften bleibt. Und in fremder Schrift lese ich dort: Geburt. Vorsichtig nehme ich den Ordner in meine Hände und schlage ihn auf.
Das ist nicht meine Schrift! Überrascht und erstaunt blättere ich die Seiten durch und suche nach mir Bekanntem. Ich habe große Schwierigkeiten, diese Schrift zu entziffern. Es ist deutsche Schrift, schmal und lang gezogen mit dünnem Auf- und dickem Abstrich. Manchmal sind die Buchstaben auf dem grauen, rauen Papier zerflossen. Das Papier ist mir fremd. Fremder noch als die steile Schrift. Es fühlt sich beinahe wie Löschpapier an. Oben, an der linken Ecke, finde ich ein Hakenkreuz aufgedruckt. Als ich weiter blättere, sehe ich auf jedem Blatt dieses Hakenkreuz. Der ganze erste Ordner ist voll gefüllt mit dieser fremden Schrift auf fremdem Papier. Mühselig entziffere ich Wort um Wort. Lese von einem Kind, einem Mädchen, das zwischen Fliegeralarm und Bombenangriffen als drittes Kind einer Arbeiterfamilie in der Klinik geboren wurde. Welches der Mutter beinahe das Leben gekostet hätte. Blutkonserven waren nicht vorgesehen für solche Fälle. Zu viele wurden anderswo gebraucht, um dort eines oder ein halbes Leben zu retten.
Streckenweise ist die Schrift wieder unleserlich. Manchmal entziffere ich ein paar Bruchstücke. Ein äußerst braves Kind. Weint nie. Schreit nie. Im Luftschutzkeller liegt es in einem Wäschekorb, zugedeckt bis über das winzige Gesichtchen. He Frau! die Wäsche dürfen Sie hier aber nicht mitbringen! Wo kämen wir da hin! So still ist das Kind, dass man es erst glaubt, es nicht mit verbotenerweise mitgebrachter Wäsche zu tun zu haben, sondern mit einem schlafenden Säugling, als man das Tuch vom Köpfchen des Kindes zurück schlägt. In dieser wirren Zeit geboren zu werden heißt, von Anbeginn pflegeleicht zu sein. Es war das Gebot der Stunde.
Ich lege den Ordner weg. Ich bin müde. Un-endlich müde...
...Ich halte ein in meiner Tätigkeit. Mir ist elend. Zum ersten Mal, seitdem ich hier bin, sehne ich mich nach K’s lauter Stimme, nach K’s sicherem Schritt, sehne mich nach B’s Sanftheit, nach B’s Zärtlichkeit. Möchte eintauchen in diese Zärtlichkeit. Möchte an dieser Zärtlichkeit ersticken. Soll ich meine Koffer packen? Wie werde ich erwartet? Oder werde ich nicht erwartet. Mit eisiger Nichtbeachtung gestraft, meiner eigenmächtigen Abreise wegen. Der ersten eigenmächtigen Handlung! Welchen Tanz muss sie tanzen, die Marionette?
Automatisch ordnen meine Hände weiter, legt sich Blatt zu Blatt.
* Alle Rechte auf die Textproben liegen bei Helga Kolb. |
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