Die Inderin
von Anant Kumar
Prosa. Broschur, etwa 80 Seiten, vierfarbiger Einband mit Grafiken des renommierten, peruanischen Künstlers Victor Delfin, Schweinfurt 1999/2000 / Preis: 10,10 Euro / ISBN 3-932497-32-5
Anant Kumar, MAGISTER (Deutsche Philologie)
www.anant-kumar.de.vu
Mitglied im: Verband deutscher Schriftsteller VS, Literatur Gesellschaft Hessen e.V. Interessengemeinschaft deutschsprachiger SchriftstellerInnen e. V. (IGdA) Bundesverband junger Autorinnen und Autoren, Bonn Neue Gesellschaft für Literatur Berlin e.V., Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft, Wuppertal
Stimmen zum Buch
"In 'Die Inderin' hat Anant Kumar nun nicht nur den Facettenreichtum seiner Stilmittel deutlich erweitert - neben seiner hochwertigen Kurzprosa und Lyrik finden sich Anekdoten, Mythen, Parabeln - sondern auch eine kluge, starke Protagonistin geschaffen." (C. Harkensee)
Textproben
Sehnsucht
Sawitri saß in der Ecke. Traurig, nachdenklich und starr. In so einem Gemütszustand sah ich sie selten und traute mir als ihr guter Freund zu, nach ihrem Wohl zu fragen.
>Schlecht!< erwiderte sie meiner Erwartung gemäß.
>Warum?<
>Ich habe Sehnsucht.<
>Hast Du Heimweh? Oder bist Du wieder frisch verliebt?<
>Vielleicht!<
So antwortete die Inderin oft: lakonisch und nicht eindeutig klar. Und ich als neugieriger und moderner Abendländer versuchte, immer wieder herumzustochern. Wie diesmal:
>Ach komm, erzähl mal!<
>Setz dich hin!< sie fasste meinen Arm, und sie setzte mich neben sich. >Gut, ich erzähle dir eine Sehnsuchtsgeschichte aus dem Orient, wo meine Wurzeln sind:
Majnu, der Geliebte, hat seine Laila lange nicht sehen können. Seine Sehnsucht wurde immer größer und unerträglicher. Verzweifelt heulte er und bat Gott:
>Allmächtiger, schick mir meine Laila zurück!<
Und so betete er lange - sehr, sehr lange.
Und Gott schenkte endlich Majnus Klagerufen Gehör. Eines Abends, als Majnu weiter wegen Laila heulte und Gott ununterbrochen um ihre Wiederkehr bat, klopfte es an der Tür.
Schluchzend fragte Majnu:
>Wer ist da?<
>Laila!<
>Wer?<
>Laila! Deine Laila!<
>Nein! Das kann doch nicht wahr sein! Geh weg! Geh weg!<
>Bist du wahnsinnig geworden? Ich bin es! Ich bin... deine Laila! Mach doch die Tür auf!<
>Nein! Geh weg! Geh weg!< schluchzte Majnu weiter.
>Hast du vollkommen deinen Verstand verloren? Solange sehnst du dich ungeduldig nach mir. Jetzt bin ich da und du sagst "Geh weg!"<
>Ja, Laila! Vielleicht habe ich doch den Verstand verloren. Und nun soll mir die Sehnsucht nach dir nicht vergehen.<
Und Majnu schluchzte weiter...
Modern Times
Das Asylantenheim geriet in Aufruhr, als Montag morgens die Mitbewohner den Bangladesher Abdul Qasim mit einem hübschen, hiesigen Techno-Mädchen sahen. Abdul Qasim, der 30 jährige Asylant aus Bangladesh, der kaum Deutsch verstand, spielte unter den anderen Asylanten wegen seiner Habichtnase den Spaßmacher. Und ausgerechnet diesen Idioten sollte das Glück treffen? Sein Glück verursachte - logischer- und menschlicherweise - bei den anderen frustrierten Männern, darunter besonders bei seinen Landsleuten, dermaßen Neid, dass Abdul Qasim in den darauf folgenden Tagen das Heim verließ. Legal oder illegal. Wir wissen das nicht. Natürlich werden der männliche Trieb, die Geborgenheit und vielleicht auch ein wenig die Liebe bei seinem Zusammenziehen mit der hübschen Freundin eine wesentliche Rolle gespielt haben. Was Martina an ihm gereizt haben soll, darüber wird bis heute vielerlei spekuliert.
Während ihrer viermonatigen Beziehung mit diesem Asylanten soll sie einigen guten Freunden, denen man immer wieder Lebensgeheimnisse anvertraut, erzählt haben:
"Er kocht sehr gut! - Schön scharf!"
"Er ist auch scharf - ein scharfer Lover!"
Aber wie für uns bestand auch für Martina das menschliche Leben nicht bloß aus dem Fressen und dem Fortpflanzungstrieb. Sondern es gab darüber hinaus wichtigere Sachen, z. B. Kultur und geistige Nahrung. Wie viel oder ob Abdul Qasim geistige Nahrung besaß, werden wir später erfahren. Richtig ist, dass es von Anfang an zwischen Martina Rindvieh und Abdul Qasim eine große Sprachbarriere gab. Die ersten paar Brocken Deutsch brachte ihm die Sozialwesenstudentin mit der üblichen Didaktik bei:
"Man sagt auf Deutsch...!" oder
"Das sagt man auf Deutsch nicht!"
Oft gab es dabei Gelächter und Späße. Die Freundinnen Martinas drückten ihre Freude über seine Sprachverwirrungen und -fehler harmlos kichernd aus: "Das ist aber süß!" oder "Das war süß!" Und darauf Abdul Qasim mit seiner Habichtnase: "Häh! Häh! Häh! Dutsch - Ein schwer Sprache! - Sehr kompliz!" Und er zeigte seine Zähne weiter, die ein beachtliches Lob bei Martinas Freundinnen fanden. Martina und ihre Freundinnen demütigten jedoch Abdul Qasim nicht wegen seiner Fehler oder schlechten Aussprache. Sondern sie sagten: "Aber man kann dich verstehen." Jede von ihnen war auch mit der wissenschaftlichen Feststellung Abdul Qasims einverstanden, dass "Dutsch" eine sehr schwere Sprache sei. Die Marlene sagte darauf: "Gott sei Dank, dass sie meine Muttersprache ist. --- Komische Grammatik!"
Aber irgendwann wurde Martina Rindvieh all dieses langweilig und manchmal zuviel. Und analog vermehrte sich ihr Verlangen nach der eben erwähnten geistigen Nahrung. So lernte sie zufällig auf Juttas Fete einen Engländer kennen, der sehr gut Englisch sprach und schon bei der ersten Begegnung anfing, Martinas Abitur-Englisch zu verbessern. Dabei ermutigte er sie immer wieder. Mal erklärte er ihr den Gebrauch eines Begriffes. Mal erklärte er ihr, wo man was in England sagte. Dabei kamen sehr witzige Sachen raus, zum Beispiel, dass die Iren nicht "Fucking Shit!" sondern "Focking Shait!" sagen. Und dabei blieb Mike ein bescheidener Gentleman mit seinem sich wiederholenden Kompliment: "But your English is pretty good!". Das war genau, wonach sich Martina in den letzten Tagen sehnte. Ihre Stimme wurde weicher und süßer, und sie sagte immer wieder wie eine Lady: "Thank you!" Und der Gentleman darauf: "You are welcome!" Der Abend wurde süßer und länger. Händchen wurden gehalten und zärtlich gestreichelt. Man sang die wehmütigen Phil Collins-Lieder mit.
Als frühmorgens Martina mit schlaf- und romanzetrunkenen Augen in die Wohnung eintrat, wartete Abdul Qasim mit blutunterlaufenen Augen auf sie. Ein wenig nervös und noch mehr erbost. Es gab zwischen den beiden Krach, der sich weiter zuspitzte. Martina wollte sich aber sofort zum Schlafen hinlegen und vom süßen Abend weiter träumen. Und der Bangladesher wollte es vorher mit ihr treiben. "Nein! Hände weg! Nur das hast du in deinem schmutzigen Kopf! Du Schwein!" Gekränkt musste sich Abdul Qasim zurückziehen.
Schon am zweiten Tag brachte Martina den Mike in ihre Wohnung. An dem Abend tranken alle drei Tee, und es wurde sich auf Englisch unterhalten. Das Gespräch wurde durch Abdul Qasim noch witziger, weil er wie gewöhnlich ein wenig Englisch mit starkem "Indischen Akzent" sprach. Dauernd fragte der Mike: "Sorry, what?" oder "Excuse me?" Und die Martina übersetzte die Aussprache Abdul Qasims weiter, sagend: "He has a strong Indian accent!" Und der Gentleman sagte einverstanden: "Yes! You are right! I had a friend from Bombay in Manchester who spoke like him!" Die Gespräche über die documenta-Kunst sagten dem Asylanten nichts. Er langweilte sich dabei und wurde allmählich noch eifersüchtiger. Ihm wurde die bevorstehende Gefahr klarer, die ihre Krönung darin fand, dass beim Abschied Martina den Mike fest umschlang und küsste.
Zum ersten Mal weigerte sich Abdul Qasim an jenem Abend zu kochen. Er warf ihr sogar vor: "Du! Warum nicht kochen?" Martina versuchte vergeblich das mit ihren anderen Arbeiten auszugleichen. Der Zank wurde diesmal schlimmer. Die beiden fingen an, mal "Eure Kulturen" und mal "Die deutsche Kultur" schlecht zu machen.
Irgendwann sagte der Mann zu der Frau: "Du, deutsche Hure!" Wir sollten besser die Deutschlehrer fragen, um genau zu wissen, warum man in einer Fremdsprache die Schimpfwörter und Liebeswörter unbedingt und schnell lernen möchte. Mit dieser Bezeichnung hatte es aber der Sozialwesenstudentin gereicht.
"Raus! Pack Deine Sachen und raus!" brüllte sie ihn an.
Der Asylant raus und der Gentleman rein. Und damit verwandelte sich das Techno-Mädchen Martina...
* Alle Rechte auf die Textproben liegen bei dem Wiesenburg Verlag, Schweinfurt. |
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