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Mirjam. Maria Magdalena und Jesus
von Regina Berlinghof

Roman. 550 Seiten, gebundene Ausgabe, erschienen im Verlag Dietmar Klotz, Eschborn, Preis: 24,50 Euro, ISBN 3-88074-273-1

Infos zum Buch

Regina Berlinhof: "Längst überwunden geglaubte Religionsstreitigkeiten, nationale Einseitigkeiten und Fundamentalismen breiten sich wieder aus. Die Taliban in Afghanistan, die Fundamentalisten in Algerien, der 11. September, praktisch neuer Krieg zwischen Israel und den Palästinensern, bei uns der Antisemitismusstreit, Le Pen, Haider usw. Ich habe in dem Roman solche Gedanken und Vorurteile aufgegriffen und im Verlauf andere Sichtweisen dagegen gesetzt. In der Rahmenhandlung stößt ein fundamentalistischer Halbaraber/Halbjude auf die alte Mirjam (Maria Magdalena), die ihm später ihre Lebens- und Liebesgeschichte mit Jeschua (Jesus) erzählt. Diese Begegnung wird ihn verändern - auch in seiner Haltung zu seiner Frau: Schoschana hat ihn verlassen, nachdem er sie vergewaltigt hat. Yoram kann sie nicht vergessen. Er versucht, mit Hilfe Mirjams sie wiederzufinden und ihre Liebe erneut zu erringen."

"Auch wenn Maria Magdalena und Jesus im Roman vorkommen, so ist es dennoch kein "christliches" Buch. Es könnte die Gefühle mancher Christen verletzen. Lesen auf eigene Gefahr!"


Textproben


Aus dem 1. Kapitel: Jericho

Ich, Yoram Bar Am, benannt nach zwei unbedeutenden Königen der alten Reiche Jisrael und Jehuda und ein Sohn des Volkes, seit ich mich von meinem Vater losgesagt habe, ich, Yoram Bar Am also, schreibe diesen Bericht, um nicht den Verstand zu verlieren. Ich zermartere mir den Kopf wegen einer alten Frau, der ich im Vorübergehen auf der Straße keinen zweiten Blick schenken würde. Entweder ist Mirjam eine Verrückte, eine Närrin - nur geschützt durch ihre Harmlosigkeit und Wohltätigkeit - oder sie ist eine wahrhaft kluge, ja sogar weise Frau, die mehr weiß und mehr erfahren hat - und dem Herrn vielleicht näher ist als alle Lehrer und Weisen, bei denen ich Rat und Hilfe gesucht habe.
Wem soll, wem darf ich Glauben schenken? Ich weiß es nicht mehr. Nichts mehr weiß ich - nicht, woran ich mich halten, nicht, was ich tun soll. Alles in mir dreht sich in einem wilden Durcheinander. Finde ich dann einen Ruhepunkt, sehe ich rings um mich nur abgrundtiefe Schwärze, die mich aufs neue schwindeln läßt. Ich drehe mich im Kreise meiner Qualen und sehe keinen Ausweg. Und die alte Frau, die mich aufgenommen und gepflegt hat, stürzt mich in die tiefste Verwirrung. Was soll ich nur tun?
Ich fange an, einfach alles aufzuschreiben. Vielleicht gewinne ich dann Klarheit und Frieden. Wonach in all den Jahren meines Lebens habe ich denn gestrebt, wenn nicht nach Klarheit des Geistes und Frieden des Herzens? Überall habe ich gesucht. Und überall habe ich nur Zwietracht, Haß, Verleumdung, Rachsucht und Bosheit gefunden, Habgier und Eigennutz, Hochmut und Selbstgerechtigkeit. Dafür werden Reinheit, Güte, Mitleid und Barmherzigkeit mit Spott und Hohn verlacht.
Die Römer unterjochen alle Völker und nennen das 'ihren Frieden bringen'. Auch den Söhnen Jisraels haben sie ihre 'Pax Romana' gebracht. Zum Dank pressen sie erbarmungslos das hungernde Volk aus. Die römischen Prokuratoren suchen nur, sich selbst zu bereichern. Und wo sie mit Steuern und Verordnungen nicht weiterkommen, nehmen sie sich die Beute mit Gewalt. Sie schrecken nicht einmal davor zurück, gemeinsame Sache mit Räubern und Wegelagerern zu machen, vor denen sie die Menschen schützen sollten. Wer aber hörte das Jammern und Klagen des bedrückten Volkes und käme zu Hilfe? Die mit fetten Böden gesegneten Syrer verachten die anderen Völker, denen es noch schlechter geht; die Nabatäer am Rande der großen Wüsten verachten die Küstenvölker, weil es ihnen nicht gelungen ist, sich mit Tributzahlungen die Römer vom Leibe zu halten; die Ägypter verachten alle anderen Völker, weil sie noch jung und ungestüm sind und noch in Zelten lebten, als die Pyramiden die Größe Ägyptens und seiner Pharaonen verkündeten. Die Griechen fühlen sich so überlegen, daß sie sich nicht einmal herablassen, die Barbaren zu verachten. Und alle verspotten und verhöhnen die Juden mit ihrem einen einzigen Gott, den man nicht einmal sehen kann. Und die Juden verachten wiederum alle anderen Völker, weil diese die Überlegenheit und Allmacht des Herrn nicht erkennen und nicht verstehen.
Aber wer bin ich, daß ich mich über die Menschen und ihre Verirrungen erhebe! Der gleiche Zwist, der gleiche Haß, der gleiche Unfrieden, die gleiche Verachtung wüten in meiner Brust. Mein ganzes Leben habe ich danach gestrebt, das Richtige zu tun und ein Leben zu führen, das dem Herrn ein Wohlgefallen ist, damit seine Verdammnis mich nicht ereile. Es hat Zeiten gegeben, da ich glaubte, meinem Ziel, ein 'Gerechter' zu werden, ganz nahe zu sein. 'Aber alles ist ganz eitel', spricht der Prediger des Herrn. Meine Gerechtigkeit war nichts als Eitelkeit und Überhebung. Meine Gelehrsamkeit zerfiel zu Staub wie ein Haus, das aus schlecht getrockneten Ziegeln gebaut ist. Meine Liebe war Wahn - denn die Frau, die ich liebte und noch immer bis zur Verzweiflung liebe, habe ich geschändet und ihre Liebe zertreten. Schoschana hat sich von mir abgewandt und ist geflohen.
Wahrheit und Güte finde ich einzig bei einer alten Frau, die alle eine Närrin nennen. Ich weiß nicht mehr, ob mein Verstand verwirrt ist oder diese Welt, in der alle Übel gedeihen und Liebe und Barmherzigkeit der Lächerlichkeit preisgegeben werden.
Es war die verrückte Mirjam, die mich blutendes und ausgeplündertes Stück Fleisch vom Straßenrand aufgelesen und in ihr Heim mitgenommen hat."

* Alle Rechte auf die Textproben liegen bei dem Verlag Dietmar Klotz, Eschborn.
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