Les derniers jours de la classe ouvrière
von Thierry Elsen
„Les derniers jours de la classe ouvrière. Die letzten Tage der Arbeiterklasse“. Ein Roman von Aurélie Filippetti.
Wenn ein/e Politiker/in ein Buch schreibt, kann das Publikum in den seltensten Fällen mit einem Roman oder anderer Belletristik rechnen. Der Fall von Literat/innen, die ihren Verlag gegen ein politisches Amt tauschen, kommt da schon etwas öfters vor. Bei der französischen Grünen, Aurélie Filippetti, Jahrgang 1973, scheinen beide Tätigkeiten eng miteinander verbunden. Mit 20 verlässt sie das heimische Lothringen und geht nach Paris. „Ich hatte eine Region verlassen, Lothringen, zerstört durch ein gigantisches Industriemassaker, dessen Spuren sich langsam unter den falschen Projekten verloren.“ Seitdem lebt die Autorin im 5. Pariser Arrondissement – und ist in ihrem Bezirk Grüne Gemeinderätin. Sie hat eine Tochter. Ihre Herkunft und ihr politisches Engagement sind offensichtlich eng mit dem Roman verbunden. „Les derniers jours der la classe ouvrière“ (zu Deutsch: „Die letzten Tage der Arbeiterklasse“) - ihr Erstlingswerk – erscheint im September 2003 nach 5-jähriger Schreibarbeit bei den Editions Stock. 2005 wird der Roman im Taschenbuchformat verlegt. Im selben Jahr schreibt sie die Einleitung zu Eric Bouvets Fotobildband „La dernière mine“, der die Arbeit im letzten Minenstollen in Lothringen (La Houve) dokumentiert. Schlagzeilen macht die junge Autorin jedoch nicht nur ob ihres Romans und ihrer Arbeit für das kollektive Gedächtnis der Minenarbeiter. Ihr politisches Engagement und ihre oppositionelle Haltung zum Ehepaar Tibéri sorgten in der Vergangenheit dafür, dass der Name Filippetti über die Grenzen von Paris bekannt wurde. Jean Tibéri, ehemaliger Minister und Bürgermeister von Paris, ist Bürgermeister des 5. Pariser Bezirks. Im Zuge einer Sitzung 2004 kam es zu einem Konflikt zwischen Tibéri, dessen Frau und der grünen Oppositionellen, der mit einer Klage gegen Filipetti endete.
Streitbare Politikerin
Zudem sieht sich die Gymnasiallehrerin Aurélie Fillipetti als „Zionistin und Pro-Palästinserin“ und macht auch keinen Hehl aus ihren politischen Überzeugungen. Im Zusammenhang von antisemitischen Übergriffen im Rahmen einer Anti-Irakkriegsdemonstration 2003 schlug Filippetti, zu jenem Zeitpunkt Sprecherin der Pariser Grünen, vor, aufgrund eines offensichtlich antisemitisch motivierten Übergriffes, bei der nächsten Demonstration sowohl mit der israelischen als auch mit der palästinensischen Flagge zu marschieren, um die Berechtigung beider Staaten zu symbolisieren. Ein Vorschlag, der in Frankreich mehr als zwiespältig aufgenommen wurde – besonders innerhalb der eigenen Reihen. Filippetti brach mit ihrem Vorschlag Tabus und wies verstärkt darauf hin, dass die Bezeichnung „antizionistisch“ den Begriff „antisemitisch“ ersetzt habe und es die Aufgabe der gesamten Linke sei, den Antisemitismus zu bekämpfen. Schon allein diese kurzen biografischen Schlaglichter zeigen, dass Aurélie Filippetti Widersprüche in sich vereinen kann...Widersprüche, die auch in ihrer Heimat Lothringen so natürlich sind.
Italienischer Herkunft
Wie der Name der Autorin verrät, ist sie italienischer Abstammung und ein Kind der Arbeiterklasse. In ihrem Roman bereitet sie der Gegend – der Lorraine und vor allem dem Grenzgebiet zu Luxemburg mit all seinen Eigenheiten - eine literarische Hommage. Aber auch ihrer eigenen Familie. Aurélie Filippetti hat ihre Herkunft nicht vergessen. Wie so viele andere, die wegzogen, um ihr Glück zu suchen. Ganz im Gegenteil. Sie betont, nicht nur mit dem Buch, ihre Herkunft aus Lothringen, einer französischen Region mit einer glorreichen Vergangenheit als Industriegebiet. Sie verfällt jedoch nicht in einen „Kreuz von Lothringen“-Patriotismus, das einer der berühmtesten Söhne der „Grande Nation“, Charles De Gaulle, zu einem nationalen Symbol hochstilisierte. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie ein Kind der Arbeiterklasse in ihrem ursprünglichen und unverfälschten Sinn ist (Vater und Großvater waren wie im Roman Minenarbeiter und Gewerkschaftler). Ein gewisser Stolz ist sogar herauszulesen, wenn sie über ihre Kindheit schreibt und sich für die Symbole und Begriffe der Arbeiterbewegung einsetzt. Solidarität etwa, ein Wort, das heute einer gewissen Beliebigkeit unterliegt, war in einem lothringischen Minenstollen kein leere Floskel, sondern wurde gelebt. „Ein einzelner Minenarbeiter in einem Stollen ist ein toter Minenarbeiter“ lautete eines der ungeschriebenen Gesetze der Gemeinschaft aus hauptsächlich immigrierten Arbeitern. Und genau jenen Arbeitern, mit all ihren An- und Widersprüchen, setzt Aurélie Filippetti mit „Les derniers jours de la classe ouvrière“ ein Denkmal, das auch ganz nebenbei ein Stück Kritik und Protest ist. Genauso wie ein Artikel in der linken Zeitung „Humanité“ in dem sie 2004 gegen den Abriss des Renault-Werks auf der Insel Séguin in Boulogne-Billancourt protestiert. Das Verschwinden von Industrieanlagen vergleicht sie in diesem Zusammenhang mit dem Verwischen von Spuren an einem Tatort, so als wolle man/frau bewusst eine unpassende Vergangenheit auslöschen. Auch dagegen schreibt die Grün-Politikerin und widmet das Buch den Millionen von Arbeiter/innen, die es in Frankreich gab und zweifelsohne noch gibt, nicht ohne sich zu fragen, ob sie, die aus Lothringen wegging um zu studieren, nicht einen Verrat an der „Klasse“ betreibt. Ein Widerspruch? Vielleicht.
Jedoch verfällt die Autorin, wenn sie im Wesentlichen die Geschichte ihrer Region anhand einer italienischen Gastarbeiterfamilie erzählt, nicht in ein falsches Pathos oder in irgendwelche Verniedlichungen. Auch wenn der Name des Erzes, das mann aus der Erde herausstemmte - die „Minette“ - dazu verführen könnte. Dazu ist das Land der Minette viel zu rau und ungeschliffen und Aurélie Filippetti zu analytisch in ihrem Denken. A propos Minette. Ein Gedanke zwischen Klammern: bei diesem Wort handelt es sich um das Diminutivum für französisch „Mine“ und verweist auf den relativ niedrigen Eisengehalt von ca. 25 bis 30% des Gesteins im französisch-luxemburgischen Grenzbereich. In Luxemburg wurde und wird sogar der ganze Süden des Landes als „Minett“ bezeichnet. Ein weiterer Beleg dafür wie die Metallindustrie eine ganze Gegend grenzüberschreitend prägte.
Die junge Autorin aus dem Nord-Osten Frankreichs erzählt aber auch wie die italienischen, polnischen und ukrainischen Einwanderer/innen nach Audun-le-Tiche (Deutsch-Oth) kamen um ganze Dynastien von Minenarbeitern zu gründen. Die männliche Form ist auch hier als solche zu verstehen, da die Frauen der Arbeitersiedlungen im Wesentlichen mit dem Haushalt und der Unterstützung der Männer in allen Belangen betraut waren – und auch darauf achteten, dass es sich die Kommunisten nicht ganz mit der Kirche verscherzten Der gesamte Alltag war dem Gewinn des Erzes untergeordnet. Stein für Stein. So prägten die entwurzelten italienischen Gastarbeiter im Laufe der Zeit die Gegend mit ihren Gebräuchen, ihrer Arbeit, ihrem eigenwilligen Italianismus, der nur mehr eine Verklärung der Heimat ist. Denn in Wahrheit wurden die „Ritals“ schon längst von der roten Erde und dem Erz geprägt, das sie aus den roten Stollen herausbrachen. Die Hauptfigur ist Angelo – in Angel umgetauft – ein Minenarbeiter italienischer Abstammung, dessen Vater mit 14 anderen Minenarbeitern im 2. Weltkrieg von den Nazis umgebracht wurde. Ein Ereignis, das den Ort Audun-le-tiche, das während der Naziherrschaft wieder einmal zu Deutsch-Oth wurde, für lange Zeit prägte. Der Minenstollen, der Leben nimmt und gibt, konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ausreichend Schutz bieten. Angelo repräsentiert diese eigenwillige Mischung aus stolzem Arbeiter mit katholischen Wurzeln und kommunistischer Gesinnung, wie so viele andere in dieser Gegend. Angelo hat harte Arbeit mit Löffeln gefressen und ist stolz darauf, dass man durch die Arbeit, zusammen mit der Kommunistischen Partei Frankreichs (dessen Aparatchiks den Minenarbeitern ebenso suspekt waren, wie die Arbeitgeberseite) und insbesondere der Gewerkschaft eine Gesellschaft gestalten konnte, auch wenn es nur streckenweise im lothringischen Mikrokosmos war. Angelo, der Engel, mit den verstaubten Lungenflügeln, Bürgermeister seines neuen Heimatortes, der auf dem Krankenbett mit ansehen muss, wie Partei, Gewerkschaft und der Ort, dem er vorstand, zu Grunde gehen. Er erlebt wie vieles, für das er gekämpft hat, dem Niedergang geweiht ist. Fast schon im Vorbeigehen berührt Aurélie Fillipetti das Thema Cattenom – die Atomzentrale, die im Dreiländereck Luxemburg, Frankreich und Deutschland, trotz erheblichen Widerstands, aufgestellt wurde und das Ende der Eisenförderung und der Angelos so gut wie besiegelte. Cattenom als himmelgerichtetes Wahrzeichen des Endes einer Ära der Tiefe der Stollen. Und so wie Angelo am Ende des Romans das Zeitliche segnet, wird auch der letzte Stollen in Audun-le-Tiche geschlossen. Die Region muss sich heute nach neuen Zielen umsehen. Lothringen – das Eisenherz hat aufgehört zu schlagen.
Sehr kurze Kapitel stoßen sich gegenseitig herum. Der Erzählfaden wird immer wieder unterbrochen. Episodenhaft das Ganze. Stein für Stein setzt sich die Hommage an das Alzettetal zusammen. Diese Form des literarischen Ausdrucks wurde von der Autorin bewusst gewählt. Der Eindruck entsteht, dass der Stil das Bruchhafte, den Stollen, das langsame Herausbrechen des Erzes atmen soll. Eine lineare Geschichte mit plastischen Figuren hätte, so die Autorin, auch nicht den sozialen Spannungen, der Gewalt und, wie ich finde, dem Leben der dargestellten Personen entsprochen. Schroffes Erz ist noch lange kein polierter Stahl und eine geschliffene Sprache würde dem sicherlich nicht gerecht werden.
Die Sprache der Personen ist stark umgangssprachlich, lakonisch und immer wieder in den Text eingeflochten. Ein Stil der den gebrochenen Existenzen entspricht, die nicht in der Lage sind Sonntagsreden und wenn Angelo doch eine Rede hält – so gilt sie seinen Kollegen und Genossen, dem Kampf und ist authentisch. Ein Stil der Atemlosigkeit, ein Röcheln aus den verstaubten Lungen.
Der Bezug zu Zolas Germinal ist von der Thematik her nachvollziehbar, jedoch nicht vom Stil. Aber so wie Zola den Minenarbeitern seiner Zeit ein naturalistisches Denkmal setzt, tut es Aurélie Filippetti für jene des 20. Jahrhunderts und für eine Region, die heute ihre Fühler stark nach Luxemburg ausstreckt und in einer Übergangsphase zwischen der alten Minenkultur und neuem Aufschwung steht. Eine Region sucht ihre Bestimmung. So ist „Die letzten Tage der Arbeiterklasse“ mehr als ein Abgesang auf die Geschichte einer Region und ihrer Menschen. Er ist ein Beitrag zu einer Geschichtsschreibung von Menschen, die in der offiziellen Geschichtsschreibung nur wenig und immer weniger Platz finden.
Bibliographie:
- Interview mit Aurélie Filippetti in L’Arche, 2003.
- Aussendungstext der Éditions Stock, 2003.
- Filippetti, Aurélie: Désespérer Billancourt. In : Journal L’Humanité. 17. April 2004.
- Livres. Les mineurs de fer, ces héros. In : Journal L’Humanité. 04. Dezember 2003.
Aurélie Filipetti
Les derniers jours de la classe ouvrière
Livre de Poche
ISBN 2-253-10859-6
Leider bisher noch nicht in Deutsch erschienen. |
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Seiten: Liebesgedichte |
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Offene
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