Langsame Zeit.
von Hans Peter Hoffmann
Eine Reise im Elsaß. geb. mit Schutzumschlag, erschienen im Buchverlag Klöpfer & Meyer / Preis: Euro 18,90 / sfr 33,60 / ISBN 3-937667-02-4
Der Erzähler macht Urlaub. Urlaub im Elsaß, in den Vogesen,zwischen romanischen Kirchen, Burgen und Supermärkten, kreuz und quer. Aber er hätte lieber ›Ferien ‹ gemacht..
Eine Reise also: vom Erwachsensein in die Kindheit, vom Erhabenen zum Grotesken, vom Ernsten zum Komischen, vom Individuellen zum Allgemeinen. Dazwischen aber, unterwegs, begegnet man herrlich verdrehten und sehr menschlichen Beschreibungen der ›kleinen Welt‹: einem liebeskranken Hahn, einer Amsel mit dem Auge Gottes, einem Täuberich, der mit einer Dose Walzer tanzt. Man begegnet, en tour, dem alten Europa, seinem Glanz – und seinem Elend, seinem Abgrund auch.
Langsame Zeit: Der Blick wird aufgetan für Wesentliches, für eine andere Wirklichkeit, und auf diesem Weg erfährt sich der Erzähler, der Leser selber: seine Geschichte, seine Gegenwart und Zukunft. All das, diese Philosophie des anderen Blicks, wird mit einer wunderbar wandelbaren Feder geschrieben, die jene Leichtigkeit hat, die so schwer zu erreichen ist, die aber auch kratzig und spröde wird unter dem Druck der Erfahrung. Und so ist es kein Zufall, daß diese Geschichte, daß diese Geschichten und Gedankengänge ins Elsaß führen, wo man die deutsche Schwere ebenso findet wie die Leichtigkeit des französischen Ésprit, des savoir vivre.
Kein Baedeker, kein Reiseführer. Ein Buch nicht nur für Elsaßreisende, sondern für Reisende des Lebens überhaupt.
Hans Peter Hoffmann
1957 in Saarbrücken geboren, Studium der Germanistik und Sinologie, zahlreiche wissenschaftliche und essayistische Publikationen zur Philosophie und Literatur Chinas, zahlreiche Übersetzungen moderner chinesischer Prosa und Lyrik, u.a. für die FAZ, die horen, die taz und auch Sartorius »Atlas der neuesten Poesie«. Lehrt zur Zeit als Gast-Professor an der Universität Heidelberg, lebt und schreibt in Tübingen. Mitglied der literarischen Gruppe »Holzmarkt«. Bei Klöpfer & Meyer erschien 1998 sein Gedichtband »In den letzten Tagen « und 2002 erschien »Der Nichtstuer«, wohlbeachtet: »Hoffmanns Erzählung: ein ganz wunderbarer Erstling« (Die Zeit).
»Eine Erzählung, die ganz unscheinbar auftritt und doch eine kleine Sensation ist – und der man eine große Wirkung wünscht.« (NDR).
»Prädikat: anregend, komisch, weise.« (Schwäbisches Tagblatt).
Der Autor ist zu Lesungen gerne bereit.
»So war nur der Sommer. Ein Sonntag im Sommer. Noch ein Sommersonntag, an dem ich noch nicht ganz in Ferien, aber doch schon in Urlaub war. Die Fliegen kreisten um die Lampe, immer um die Deckenlampe, die gar nicht brannte.
Was suchten sie da?
Das war Ferien: sich Fragen stellen und keine Antwort geben.
Fragen verlangten nicht nach einer Antwort, sie waren sich selbst genug. Das wußte man allerdings nur in den Ferien. Dann öffneten Fragen eine Tür – Lufttüren ,,Augtüren, Kopftüren –, ein Erstaunen, das man nicht schließen konnte, wie etwas Unerklärliches, Unbesessenes, noch nicht in Besitz Genommenes (…)«
Textproben:
"Die alten Steine, die Ranken, die sehr restaurierten Häusern atmeten eine unwirkliche Stille. Real waren nur die vorbeisägenden Mopeds, auf denen die Jungen zum Vibrieren brachten, was ohnehin kochte.
In ihrem großen Netz saß eine dicke Spinne, eine schlanke sonnte sich zwischen schweren Trauben, abgesichert nur von einem einzigen, zwei Meter langen, sehr windigen Faden.
Sie ließ sich nichts anmerken. Sie war sehr selbstsicher? Aber sie hatte ihren Faden. Ich hatte nichts. Nur diesen Füllfederhalter. Mit ihm zog ich lange, dünne Tintenfäden durch einen vergehenden Raum, worin sich das ein oder andere verfing: ein Blatt, ein Flaum, von einem Schaf, einer Scham, irgendwo hergeweht, ein Engelshaar.
Brauchbares verfing nicht, ich saß in meiner Ecke wie eine Spinne, inmitten meiner Fäden, inmitten meines Netzes, das nicht verfing, inmitten eines Sonntagnachmittags.
Aus der Zeit gefallen.
In eine andere Zeit, die der Glockenschlag ansagte, in eine Zeit der Spinnweben, der nicht mehr gebrauchten, also schönen Gerätschaften der Bauern, die Zeit der Landschaft, die so alt war, daß sie Natur schien, der Ruinen mit den Namen, die so viel zu versprachen: Windstein, Löwenstein, Wasigenstein ...
Ein Apfel fiel vom Baum. Mitten in den Zusammenhang.
Ein dumpfer, nasser Ton. So waren wir alle einmal geboren worden, mit einem dumpfen, nassen Plopp. Mitten in den Zusammenhang.
Die Dinge begannen bereits, Geschichten zu erzählen, sie begannen der Vergangenheit anzugehören, es schimmerte schon eine Vorahnung herüber, was später Kunst sein würde.
Aber soweit war es noch nicht. Sie steckten noch im Alltag, der Flaschenöffner war noch ein Flaschenöffner, er hing noch bereit, er konnte noch gebraucht werden. Aber er erzählte schon, er stand schon in Zwiesprache mit der rissigen Planke, an der er hing, mit dem rostigen Nagel, der in seinen jungen Jahren zu etwas mehr getaugt hatte als zu einem Aufhänger. Er erzählte schon etwas von den ersten besseren Jahren nach einem der Kriege, von den Maiskolben, die zum Trocknen aufgehängt und an manchen Stellen rostrot waren, den ersten Pausen, und der Dankbarkeit für die Ernte.
Man wußte noch, daß man nicht alles in der Hand hatte, wahrscheinlich, weil man noch alles mit den eigenen Händen tat.
Es würde nicht mehr lange dauern, dann erzählte er nur noch, dann würde er nur noch ein Wort sein. Es sei denn, es kam alles ganz anders. Auch davon erzählten die alten Bretter und Balken, die sich über die Jahre und Wetter in sich gekehrt hatten, wie alles anders gekommen war, wie man sie wieder in Betrieb genommen, hier und da ein Stückchen nachgebessert, eingeflickt und vor dem Erzählen bewahrt hatte.
Ich schob mich an nachgemachten Straßenlaternen, denen ich das Öl fast glauben mochte, und an verschlossenen Holzläden vorbei. Wir müssen uns Sysiphus als einen glücklichen Mann denken: einen Choucroute-Esser auf Kopfsteinpflaster.
Ich begegnete niemandem, nur einer Katze.
Sie kannte mich nicht, blieb aber stehen. Es war Viertel vor neunzehntem Jahrhundert.
Ich verstand, und weil ich verstand, verbeugte ich mich, lupfte den Hut, sagte: Madame!
Madame le Chat tiffelte vorüber und warf einen kurzen Blick wie einen Schal über die Schulter— ich blieb hingerissen stehen und malte mir einen Mond an den Himmel.
Seit einiger Zeit ging man daran, in zu Kanälen begradigte Flüsse Findlinge und kleine und große Wackersteine zu werfen, um den Fluß zu bremsen. ‚Renaturierung’, hieß das, und war doch nichts als ein anderes Wort für Kurzsicht, Unüberlegung und Vergeudung und ein schönes Lehrstück.
Dorthin sollte man Ausflüge unternehmen, mit Schulklassen, dort sollte man Lehrpfade einrichten: Hier, meine Lieben, hat ein rechtwinkliger Gedanke eingeschlagen, die Aufräumarbeiten dauern noch an.
So sollte man auch die Gehirnströme renaturieren, entgradigen, sperrige, quere Gedanken hineinwerfen, Ufergestrüpp krummer Ideen anpflanzen und Dickichte aus Dichtung.
Ich war hier, aber ich war nicht da. Ich wäre gerne hier gewesen, aber es gelang mir nicht. Ich schob einen Schreibtisch vor mir her, ich sammelte Worte.
Ich war nicht hier, aber ich würde sagen können, wo ich gewesen war." |
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