Sarah - Vom Ende meines langsamen Abschieds
von Vincent Eugen Noel
Dieses kleine Buch erzählt die Geschichte der Borderlinern Sarah: sie ist sechzehn Jahre alt und lebt in der Stadt Nördlingen. In einem atemlosen Monolog berichtet sie vom Verlauf ihrer Krankheit und vom Ende ihres langsamen Abschieds von der Welt und vom eigenen Leben.
Sie will leben, klammert sich verzweifelt an jeden Strohhalm, der ihr geboten wird, vor allem an ihre Liebe zu dem namenlosen "Du", zu dem sie spricht. Wenn schon ihre Eltern sie nicht wahrnehmen - als Kind wurde sie sogar einmal allein gelassen, als sie krank war, ihre Eltern fuhren in den Urlaub und schickten ihr eine Karte, auf der ihr Name falsch geschrieben war - und ihre Freundinnen sie in Stich lassen, weil sie für verrückt gehalten wird, dann soll wenigstens er bei ihr bleiben.
Eines Abends schleicht sie sich ins Badezimmer und ritzt sich erneut mit dem Rasiermesser ihres Vaters, dieses Mal verliert sie die Kontrolle über sich, verliert zuviel Blut und wird ohnmächtig. Im Krankenhaus wacht sie wieder auf, umringt von ihren Eltern, die ihr nur Vorwürfe machen. Sie bittet sie, allein gelassen zu werden. Später irrt sie durch das Krankenhaus auf der Suche nach dem "Du" und findet sich dann auf einer Bank im Park des Krankenhauses wieder, wo sie dann die Verbände an ihrem Arm öffnet. An dieser Stelle endet das Buch.
Die Geschichte hat keine fortschreitende Handlung, ist vielmehr eine Momentaufnahme ihrer Gefühle und Gedanken, in der überwiegend auf Interpunktion (und stellenweise auch auf Grammatik) verzichtet wird; so wird der Leser von einem ständig reissenden Gedankenfaden in die Tiefe gezogen, ohne Luft holen zu können.
Textprobe:
aber jetzt weiß ich, es lohnt sich nicht, Angst zu haben, selbst wenn ich mir nicht sicher bin, ob auch du nur einer dieser Träume gewesen bist, die mich in meinen ewigen Nächten verfolgen, denn ich bin mir
jetzt endlich
darüber im Klaren, wie wenig Sinn es hat, aufzuwachen, wie wenig Sinn es hat, die Augen zu öffnen und die Welt um mich anzusehen, ich bin nicht an Dingen interessiert, an denen ich zweifeln muß, aus diesem Grund bleibe ich
vollkommen still
liegen und suche zwischen den Bettlaken deine Wärme, versuche mich an dich zu erinnern, versuche dich in mir festhalten zu können, versuche an deine Hände zu denken, die mit ungeduldigen, hastigen Bewegungen Körper und Kleidung voneinander trennten, mich und meine einfältige, kindliche Vergangenheit und
vielleicht
einen kleinen Anteil einer gemeinsamen Zukunft
ohne Angst und Kälte
in einem wirren Auf und Ab ohne Wert und Bedeutung, oder kommt es mir nur so vor, ein Teil von mir wollte mit dir reden und schwieg in den selben Augenblicken, und der andere
mir fremde
Teil blieb wie ein ängstliches Kaninchen starr liegen und ließ deine Berührungen über sich ergehen
in den Nächten dich umklammern und festhalten und dir mit einer sanften, weichen Stimme versprechen wollen, daß ich nicht schreien werde, mich nicht wehren werde, mich dir nicht verweigern werde, so lange du mich nicht allein läßt, so lange du mir
jeden Tag
schwören wirst, mich niemals allein zu lassen, ganz egal, was auch geschehen mag
in den Nächten
sogar jetzt noch
deine Erschöpfung hören können, deinen ausgelaugten Körper neben mir unruhig seufzen spüren, all das Dunkle dieser Welt, Träume und Hoffnungen von deiner ersehnten Nähe, in meinen Ohren und in dieser Dunkelheit der leeren Stunden wie ein verlorenes Kind, so fern, so ruhelos, so eigenartig, denn
in Wahrheit
bin ich doch allein, nur ich und die Nacht, die sich vor mir verbirgt, nichts von mir wissen will, und der Tag, der mich
nur, aus welchem Grund
ablehnt, das Statuenschweigen der Stille fehlt, nichts als Lärm, tosende Lebendigkeit, lästige Helligkeit und die Stimmen all der vielen Menschen, die an meinem Leben vorüber gehastet sind, mich nicht beachtet, nicht gesehen haben, ich bin vierzehn Jahre alt und manchmal scheint es, als wäre alles
alles
alles
tot, ohne Farbe, ohne Wärme, ohne Licht
jetzt liege ich im Bett und denke nichts, fühle nichts, sehe nichts, erwarte nichts mehr, langweile mich nicht, die Fingernägel streichen über meine mondfarbene Haut und bitten ich weiß nicht wen um eine Milde, um etwas Häßliches in mir auszulöschen, von dem ich nichts weiß und nichts wissen will, ich denke an dich und
will es nicht
wenn ich dir etwas bedeute, dann sei so nett und frage mich nicht nach Gründen, wie soll ich dir etwas erklären können, das ich selber nicht verstehe, wie
verrate mir das
soll ich dir eine Sache begreiflich machen, wie soll ich etwas in deutliche, sinnvolle Worte fassen, das keinen Sinn ergibt, ich wünsche mir eine Welt aus Glas und Stille, schwarzer, endloser Stille, in der es nichts gibt, vor dem ich Angst haben muß, manchmal begreife ich mein Leben nicht: es satt haben, mich in meinem Zimmer zu verstecken, es satt haben, die Rollos hinabfallen zu lassen und dem Regen zu lauschen, der in dürren, zierlichen Fäden über die Fensterscheiben rinnt, es satt haben, den Lärm nicht mehr ertragen zu können, der ewig aus dem Wohnzimmer zu mir wabert, es satt haben, das Zimmer abzusperren und niemanden in meine Nähe lassen zu wollen, Finsternis Finsternis Finsternis, mich danach sehnen, ein ganz normales Mädchen sein zu können, das sich in nichts von all den anderen Mädchen unterscheidet, sie beobachten und mich fragen, warum ich dazu nicht imstande bin, wenn es den anderen Mädchen doch auch gelingt, die eine gleicht haargenau allen anderen, ich allein bin
natürlich
diejenige, die aus dem Rahmen fallen muß, sie sehen mich an und denken sich, die hat doch nicht mehr alle, die spinnt doch
oder rede ich mir das nur ein, ich kann es drehen und wenden, wie ich will, die Antwort ist immer
ich weiß es nicht
die gleiche, eine, die ich nicht hören und nicht sagen will, immer wieder frage ich mich, was mich in diesem Leben ohne Meer und Poesie hält, auch hier ist es
ich weiß es nicht
die immergleiche Antwort (...)
(sämtliche Rechte der Textprobe liegen beim Wiesenburg Verlag) |
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