Tränenschleier
von Sandra Henke
Gedicht und Kurzprosasammelband. Erschienen im Geest Verlag, Preis: 9,60 Euro, ISBN 3-936389-42-X
Kurzbeschreibung = sozialkritische und erotische Gedichte und Kurzgeschichten – mitreißend, mitfühlend und kritisch
Auf Sandra Henke's persönlichen Homepage erfahren Sie mehr über sie, „Tränenschleier" und ihre Veröffentlichungen in gedruckter Form.
Textproben
der unverbesserliche narr
Fernab der Moderne fristet er
sein altmodisches Dasein im Licht der Leselampe,
weigert sich gegenüber dem Rest der Welt
sich der Technik zu ergeben,
ist dem Irrglauben erlegen, dass die Türklingel immer noch
die beste Kommunikationsofferte darstellt,
doch die Schelle sitzt in Einzelhaft.
Fest verankert in der Arbeitslosigkeit
durch fehlende Trickkistenkenntnisse,
träumt er von den guten alten Zeiten, der Narr,
und hält sie in seiner Gruft am Leben,
doch das Leben fordert Fortschritt und ist über die Jahre
zu seinem schärfsten Gegner avanciert,
"technisches K.O." sagt der Ringrichter.
Vom Trugschluss der Immunität geblendet
klinkt er sich aus der Gesellschaft aus,
hält hochmütig die Hoffnung aufrecht,
dass der Teer in seinen Adern weiter fließen wird,
spuckt weiterhin verächtlich auf frei schwebende Brabbelboxen
und poliert sein Klingelschild mit der Aufschrift
"Es geht auch ohne, liebe Leut’."
Tränenschleier
Nieselregen trübte die Sicht.
Was für ein mistiges Wetter, dachte ich und zog den Kragen meiner Regenjacke höher.
Ich blickte in die Richtung aus der der Omnibus kommen würde.
Kein Bus und auch keine Menschenseele. Nur Regen, unaufhörlicher Regen.
"Natürlich ist er nicht pünktlich", fluchte ich in die Kapuze hinein.
Zitternd versuchte ich mit der linken Hand die klebenden Haarsträhnen aus meinem Gesicht zu wischen. Aussichtslos! Mit der Rechten hielt ich krampfhaft den Jackenkragen geschlossen. Einfach! .
"Wieso muss ausgerechnet ich mich bei dem Wetter zu ihm quälen?", schimpfte ich mit mir selbst. "Kein räudiger Dackel würde..."
Eine Niessalve schüttelte mich.
Im Augenwinkel nahm ich einen Mann wahr. Schemenhaft. Oder waren das erste Anzeichen von Fieber?
Ich klimperte mit den Wimpern, um die Regentropfen abzuschütteln, die sich dort angesammelt hatten - wenig erfolgreich. Und so rieb ich mit der nassen Hand über meine Augen.
"Unsinn! Wasser mit Wasser zu bekämpfen..."
Für Sekundenbruchteile erblickte ich ihn. Reiner Wunschgedanke. Er würde nie zu mir kommen.
Der Fremde, der sich bei diesem Hundewetter an eine Haltestelle in den Nieselregen stellte, musste so verrückt sein, wie ich. Oder verzweifelt.
Wohin wollte er? Was brachte ihn dazu, sich den Regen auf die Schädeldecke trommeln zu lassen?
Ich könnte rüber gehen und ihn fragen, dachte ich und kicherte.
Der Mann sah mich von ferne an. Deutlich spürte ich seinen Blick. Durch die uns trennenden Regenschleier fokussierte er mich. Ich spürte es auf meiner Haut, in meinem Gesicht.
Zwei Fremde an solch einem mistigen Tag, Auge in Auge, wartend. Ich empfand eine gewisse Verbundenheit.
Er hat seine Augen, machte ich mir vor.
Und so ließ ich den Tränen freien Lauf, leise und ohne eine Miene zu verziehen.
Was soll’s, dachte ich, Tränen fallen im Regen nicht auf.
Langsam schob sich der Fremde auf mich zu. Durch den Tränenschleier schaute ich seinem Kommen entgegen. Er hielt meinen Blick gefangen, ließ mich nicht los.
Was will er von mir, schrie es aufgeregt in mir.
Zitternd vor Angst und Kälte schlang ich beide Hände um meinen nassen Körper.
Komm endlich, Bus, flehte ich gen Himmel.
Was war das nur für ein Tag! Ich hätte gar nicht erst aufstehen sollen. Der ständige Nieselregen, er verbreitete bereits am Morgen eine schwermütige Stimmung. Eigentlich konnte es nur besser werden, doch wieso empfand ich das Gegenteil in diesem Moment?
Und doch war dort gleichzeitig ein seltsames Prickeln in einer abgelegenen Magengegend zu spüren. Ein Gefühl, dass ich nur von ihm kannte. Was machte es an diesem Ort, zu diesem Zeitpunkt, in dieser Situation?
Das Nieseln verdichtete sich zu Regen. Trotz Kapuze lief er mir in Strömen übers Gesicht, vernichtete die Tränen.
Es war seltsam, aber ich konnte den Fremden riechen. Er musste unmittelbar vor mir stehen. Meine Augen blickten ihn verklärt an, doch ich konnte ihn nicht erkennen. Ich nahm ihn nur schemenhaft wahr, als würde er noch dort stehen, wo er vorher gestanden hatte.
Ich löste meine linke Hand vom Körper und wollte mir den Regen vom Gesicht wischen, um in seine Augen schauen zu können. Doch der Fremde umfasste mein Handgelenk und presste es an meinen Körper zurück.
Sanft streichelten seine Fingerkuppen über meine Stirn, über Wangen und Kinn. Behutsam strichen sie Tränen und Regentropfen und die glitschigen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Unendlich zärtlich und doch bestimmend.
Weshalb konnte ich ihn verdammt noch mal nicht erkennen? Was war los mit mir?
Der Fremde streifte meine Kapuze ab.
,Nein‘, wollte ich schreien, doch meine Stimme brachte keinen Laut hervor.
Ich spürte das Drängen meines Gesichts gegen seine Hand. Warmer Regen tröpfelte sanft auf meinen Haar. Ich lächelte.
"Warm, der Regen ist warm!", flüsterte ich und reckte mein Gesicht gen Himmel.
Wie von selbst öffnete sich mein Mund und nahm Wärme in mich auf. Erstmals seit langem. Wärme, Geborgenheit. Das Regenwasser schmeichelte meiner tauben Zunge und mein müder Körper erfrischte sich, spülte Müdigkeit, Nässe und Abwehr hinweg.
Und dann passierte es. Noch vor ein paar Sekunden hatte ich es nie und nimmer für möglich gehalten... ]
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