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Gedankenverlorenes
von Marion Schmitt

Gedichte. 70 Seiten, TB, Helios Verlags- und Buchvertriebsgesellschaft Aachen, 2001 / Preis: 7,50 Euro / ISBN 3-933608-39-2

Zu diesem Buch

Die Erfahrungen von Abschied und Trauer, Schmerzlichkeit des ungesagt Gebliebenen, das Schuld- und Versagensgefühl beim Tod der Eltern, den vermeintlichen Verlust eines Kindes, aber auch schöne Augenblicke und Glücklichsein stehen im Mittelpunkt dieser Gedichtssammlung.

Die Texte werden durch ausdrucksstarke Federzeichnungen inhaltlich ergänzt. Ein anrührendes Buch zum Nachdenken, aber auch ein Buch, aus dem der Leser Kraft schöpfen kann.


Textproben


Ausgelebt

Sie ist wieder bei ihm
gemeinsam liegen sie
wie schon lange nicht mehr
nebeneinander
vereint die Seelen
in den letzten Wochen
wünschte sie es sich wieder
an seiner Seite zu sein
nach seiner Meinung
kann niemand mehr fragen
jahrelang war er allein
die gezwungene Zweisamkeit
erschreckt mich
irgendwann
werde ich ihn fragen
sobald er mir wieder nahe ist
ob sie sich ein zweites Mal
gefunden haben
kampflos

Ich sehe ein Schmuckstück
sie hat es getragen
in glücklichen Zeiten
in Kummer
Schmerz
und Todeskampf
ich hebe es
aus einer Tüte
halte es
in meinen Händen
in seinen Bann gezogen
wünschte ich
es könnte sprechen

Als wir das uns vertraute
Zimmer betraten
sahen wir es
wie Wochen vorher
ihr Geruch noch in der Luft
das Leben noch spürend
auf dem Sofa sitzend
wie immer
ihre Perücke lag
wie gerade ausgezogen
auf dem gleichen Platz
die Liegefalten des Sofabezuges
ihrer Haltung gleich
jedoch verlassen
Tränen wieder einmal schneller
als unser Verstand
erlaubten uns lange Zeit nicht
klar zu denken
bis uns die Realität mit der sie
unsere Sinne noch betäubte
einholte

Eine Telefonnummer
77.... irgendwo in Deutschland
nur eine Nummer
über diese ein täglicher
Gedankenaustausch
nach jedem Gespräch wissend
einen Menschen zu verlieren
dem ich
sehr nahegekommen
die Frage nach dem
warum
beherrscht mich
der Mensch mit der Nummer
fast identisch
mir wird deutlich
dieser Anschluss
wird für viele Menschen
die letzte Verbindung sein

Endstation
ein karges Zimmer
jede Persönlichkeit
verloren
Erinnerungsgerüche
nicht mehr wahrnehmbar
die Ansprüche des Lebens
auf wenige Quadratmeter
geschrumpft
eingepfercht mit einem Kampf
der Überleben genannt wird
unwichtig alles Gewesene

Seit sie von mir gegangen
verfolgt sie mich
unwissend mich zu belasten
mit Blicken
Gesten und Worten
Blicke die mich erschrecken
Gesten als seien es meine
Worte fast einer Entschuldigung gleich
erst jetzt kann ich ihr Leben
teilweise nachvollziehen
erst jetzt verstehen wir uns
ohne hässliche Worte
die unser beider Leben
geprägt haben
erst jetzt kann ich mit ihr
reden
da ihre Antworten
mich nicht mehr
in die Tiefe ziehen

Ein Leben erlischt
ich finde es wieder
in Briefen
Bildern
Gegenständen
Erinnerungen nagen an mir
im Nachhinein zu erfahren
was vorher nicht existent war
bringt Endgültigkeit
und die Ruhe in mein Leben
welche ich lange vermisste

Ich wage nicht
an sie zu denken
die letzten Bilder
wollen nicht weichen
sind präsent
jede Minute
jede Sekunde
alles andere
scheint ausgewischt
und leer
mir gegenüber zu stehen
ich habe nicht gelernt
Abschied zu nehmen

Warum können wir nicht
essen trinken
und reden mit dem gerade
von uns gegangenen
Menschen
der sich nichts mehr
gewünscht hätte
als noch ein Weilchen
bei uns zu sein

Ich würde mich freuen
sie jeden Tag besuchen
zu können
die Entfernung jedoch
erlaubt es nicht
dennoch ist sie mir
so nahe
dass sich dieser Gedanke
erübrigt

Ein Ehering mit Gravur
Ein Leben
4o Jahre wurde er getragen
die Hand die ihn begleitete
von Arbeit gezeichnet
Spuren hinterlassen
nie ausgezogen
überstand er
viele Krisen
selbst dann als ihre
Leihgabe erlosch
überlebte er
in einer Schublade
wissend
ich werde mich seiner
annehmen ihn pflegen
bis an mein Lebensende

Einzelne Blätter
auf der Erde liegend
erinnern mich
an Menschen
die genauso kämpften
bevor sie fielen
deren Wenigkeit
zu fallen
begann
wie das Blatt im Wind
lautlos

Vor Wochen sah ich
einen der schönsten
Gärten
aufgeteilt in
kleine Parzellen
deren Bewohner
respektiert
mit Ruhe
gepflegt mit Fürsorge
Zeit in Anspruch nehmen
die vorher oftmals
nicht da war

Hilfesuchende Blicke
unruhige Gestik
versteckte Tränen
wortloses Miteinander
versuchte ich aufzufangen
Trost zu spenden
der Ruhepol meiner
Brüder zu sein
deren Mutter im Begriff war
von ihnen zu gehen
ich werde sie stützen
nichts hat sich geändert
bis auf eine winzige
Kleinigkeit
meine eigene große Leere

Der Tod
wurde ihr ständiger Begleiter
doch ihn als Freund
zu akzeptieren gelang nicht
zu stark war
der Lebenshunger
der lange Zeit gestillt wurde
mehr
als der Tod sie fraß
doch am Ende
siegte seine Gefräßigkeit

Er begleitet mich
abwegig
nein
er könnte mich
jeden Tag besuchen
Jahrzehnte ein
Nichtverstehen
Versuche
scheitern oftmals
zu gleich oder
zu entfremdet
die Charaktere
warum kein Miteinander

Sie spürte ihren Feind
dessen Nähe
ihr zuwider war
er zeigte ihr seinen Weg
sie wird ihn gehen müssen
steht ihm machtlos gegenüber
Schritt für Schritt
wurde sie gezwungen
seinem Schatten zu folgen
indem er sie gefangen hielt
er verlangte nach ihr
ihr Körper bereits ein Teil
seines Ichs
sie wollte keinem mehr
machtlos gegenüberstehen
sich verschenken
wie so oft in ihrem Leben
doch des Feindes Schatten
hielt sie
ein letztes Mal gefangen
um für immer
frei zu sein

Vor mir liegt
ein fast lebloser Körper
das Herz mechanisch zu schlagen scheint
ich nehme Gitter war
die das Überbleibsel schützen sollen
das vorletzte Lager vibriert
wie lange noch
muss ich betteln
um das Ende
den Sieg der Macht
des Todes
um ein wenig Menschenwürde

Beinahe lautlos
die wankende Brücke
hinübergehen
ein Herz zu jung
um aufzugeben
eine Hülle von Mensch
dessen übrig gebliebene Funktionen
die Kraft zu haben scheinen
es auszuschalten
wann endlich dürfen wir
aufatmen

Gibt es eine Verbindung
zwischen Himmel und Erde
oder scheinen unsere Gedanken allein
die Kraft zu besitzen
Handlungen zu spüren
Nähe zu empfinden
oder klammern wir uns
je älter wir werden
an einen Faden
der uns unsere
Angst entreißen soll

Unser Geschenk
treten wir all zu oft
mit Füßen
behalten dürfen wir es nicht
wir schenken zurück
ungern
die Kraft zu treten versagt
müde geworden
beginnen wir
von zu vielen Tritten
in zu wenig Jahren
eine Reise
die wir nie
zu schätzen gelernt haben

Alle Rechte auf die Textproben liegen beim Helios Verlag.
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