In den Morgen hinein ballt sich die Wahrheit zusammen
von Frank Reinhard
Neue Gedichte. 102 Seiten, kartoniert / erschienen als BoD-Paperback / Preis: 9,20 Euro / ISBN 3-89811-200-4
"Wer sich Frank Reinhards Gedichtband nähern möchte, sollte sich warm anziehen oder gleich nackt und offen darauf zu gehen. Der Autor schont nicht. Mal dreht er Alltagserfahrungen durch den beinahe surrealistischen Fleischwolf, etwa in 'Nacht' oder in 'Die Einsame', mal kehrt er den biblischen Geschichten das Innerste nach Außen, mal schwelgt er auf einem Rhythmus-Teppich schwebend-anstoßend von Bild zu Bild, so im 'Morgengrauen'. Wer aus jeder Zeile Sinn oder gar Zweck pressen möchte, wird enttäuscht werden. Ziele und Wahrheiten verändern sich wie Ebbe und Flut, oft gerade gegen den Wind. Und immer, wenn man meint, den Autor in seiner Tiefe erreicht zu haben, taucht er wieder mit einem Grinsen zwischen den Wellen auf. Zum Handwerkszeug des Autors wie des Lesers gehört eine gehörige Portion Lust: Lust an Lebensdetails, Lust am Querträumen, Lust am Irrsinnigen. Diese Lust kostet der Autor oft bis zum Exzess aus und lädt den Leser/die Leserin dazu ein. In Stil und Inhalt ist die Sammlung bunt und abwechslungsreich. Ideal für den Nachttisch von Zeitgenossen, die nicht wegschlafen wollen." (Rezension von Michael Fuchs)
Textproben
WORTLOS
Lass die anderen reden. Ihre Stimmen glänzen wie Milchschaum.
Sie klauben Worte vom Wegrand und werfen sie hoch
in die Luft. Wir machen Geräusche beim Lachen.
Wahrscheinlich gibt es doch Gründe dafür, warum Amseln
nicht lügen und warum dieser süße Geruch in mir drin nicht
verduftet. Ich kann sie dir aber nicht sagen.
Keine Ahnung, ob der Wind irgendwo einen Anfang hat
oder ob deine sanfte Berührung getauft ist. Aber vielleicht
weiss dein flüsterndes Augenlid mehr.
Lass die anderen reden. Sie haben entartete Worte,
mit denen sie ihre Totenstille übertönen. Wir aber sind
in einer unerforschten Sprache zu Hause.
MORGENGRAUEN
Aufstand. Im Bett wälzt sich Leib gegen Leib und umklammert
wird Schulter und Brust.
Die Decke hält warm.
Aber laut, mit Gesang auf den verbrannten Lippen, die Fahne
voraus, kommt der Tag über Hügel gekrochen. Die Brandung
des Zimmers schlägt hart an die Bettkanten. Regen, nein: Gischt
wird vom Sturm, wie ein Fluch, gegen Fenster gepeitscht.
Aufstehen. Atem legt sanft seine Hände auf Wangen und bläst
lau die Lider entlang.
Aus offenem Mund rieselt traumhaft der Geifer.
Aber grell, durch das splissige Holz eines Rollladens, drängelt
Sonne herein. Ihre Aussicht auf Stimmen wird teilbar in: hell,
dunkel, hell, dunkel - an Wände geworfen, die düster sind.
Sich spiegelnd, verdampfen zwei Wolken im Kleiderschrank.
Aufstand. Die Füße berühren sich, lachen sich an und gewöhnen
die Hornhaut an Kälte und Luft.
Die Nacht flieht in Kissen und Laken zurück.
* Alle Rechte auf die Textproben liegen bei Frank Reinhard. |
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